28Apr

Wo Japan «falsch» liegt

Neulich las ich einen Zeitungsbericht über die Leiden der Schüler in Japan. Zwar war mir schon lange bewusst, dass Drill und bedingungslose Leistungsbereitschaft zu den unverkennbaren Merkmalen des japanischen Bildungssystems gehören. Die Art und Weise, mit welcher bereits im Vorschulalter auf die Kinder Druck ausgeübt wird, hat mich aber doch überrascht. Oder vielmehr entsetzt.

Wenn Fünfjährige bereits unter chronischem Schlafmangel leiden, weil das Lernen für Prüfungen oft bis nach Mitternacht dauert, korrespondiert diese Tatsache wohl kaum mit unserem Verständnis vom Kindeswohl. Die Korrelation zwischen schulischem und beruflichem Erfolg wird wahrscheinlich nirgendwo so deutlich erkennbar wie in der japanischen Gesellschaft. Bestnoten in der schulischen Laufbahn und der Besuch eines Elitecollege präjudizieren die spätere berufliche Stellung. Oder lassen im umgekehrten Fall ein berufliches Scheitern bereits auf die Schulnoten im Kindesalter zurückführen. Folge dieser extremen Leistungsgesellschaft sind die bekannt hohe Suizidalität im jungen Alter oder ein Mobbingphänomen unter den Schülern, welches seinesgleichen weltweit wohl vergeblich sucht.

Die Schule ist ein Abbild unserer Gesellschaft. Der Leistungsdruck am Arbeitsplatz hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sicher zugenommen. Um in unserer hochtechnisierten Welt einer einigermassen gesicherten beruflichen Zukunft entgegenblicken zu können, braucht es ohne Zweifel eine gute Schulbildung. Ohne Druck und Messung der individuellen Leistung ist dieses Ziel wohl kaum realisierbar. Eine eindimensionale Ausrichtung aber, welche sich nur der Erreichung von Leistungszielen verpflichtet fühlt, erfüllt meine Erwartungen gleichwohl nicht. Der Philosoph Seneca hat es wahrscheinlich trefflich formuliert:

Non schola, sed vitae discimus – nicht für die Schule, sondern das Leben lernen wir.

Schule nicht als Selbstzweck verstanden, sondern vielmehr als ein Ort der ganzheitlichen Vorbereitung von Kindern und Jugendlichen auf ihre Zukunft. Dieses Verständnis lässt Raum für die Förderung der individuellen Stärken und Ressourcen, stellt das Kind mit seinen ganz persönlichen Vorzügen und Qualitäten in den Vordergrund. Diese Sichtweise hat neben der pädagogischen Qualität und der Wertschätzung des Menschen als Individuum auch eine volkswirtschaftliche Dimension. Eine prosperierende Wirtschaft braucht Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und Neigungen. Die Gleichsetzung von schulischem und beruflichem Erfolg ist ein Trugschluss. Der mittelmässige Schüler Albert Einstein würde mir sicher beipflichten.

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