2Nov

Was würde Vaclav Havel sagen..

“Versuch, in der Wahrheit zu leben”, heisst das wohl berühmteste Buch des Autoren und späteren Staatspräsidenten der Tschechischen Republik, Vaclav Havel. Der Verfasser beschreibt darin die Wichtigkeit, den Dialog zu suchen und sich auch mit kritischen Stimmen auseinanderzusetzen. Eine Demokratie muss dieses Spannungsfeld aushalten, gerade zu Krisenzeiten. Weil es schlicht und einfach keine Alternative dazu gibt.

Was würde wohl Vaclav Havel sagen, müsste er die Ereignisse der heutigen Zeit beschreiben. Eine Zeit, die geprägt ist von Einschränkungen der Freiheitsrechte und staatlicher Kontrolle über das Verhalten jedes Einzelnen. Und zwar bis tief in den privatesten Bereich hinein. Natürlich, die Einschränkungen stehen im Zusammenhang mit Massnahmen, welche notwendig sind vor dem Hintergrund der Bekämpfung einer Pandemie mit weltweiten Auswirkungen. Und selbstverständlich erscheint eine permanente Diskussion über Sinn, Zweck und Eignung von einzelnen Einschränkungen mühsam. Aber letztlich ist diese Diskussion unverzichtbar. Was wären wir für eine Demokratie, setzten wir uns nur in “normalen” Zeiten mit divergierenden Meinungen auseinander? Jedenfalls keine Richtige. In diesem Zusammenhang bereiten mir aktuell gewisse Tendenzen Sorgen. Beispiel gefällig: Wenn der Regierungspräsident des Kantons St. Gallen seine Einordnung der Corona Situation äussert – den Inhalt kann man teilen oder nicht -, werden kurz nach Veröffentlichung des Interviews bereits Rücktrittsforderungen laut. Untragbar sei ein Regierungsrat, welcher nur im Ansatz eine Meinung äussert, die nicht dem Mainstream entspricht. Die Freiheit, seine Haltung zu äussern, weicht zunehmend einer Empörungskultur. Gesagt werden darf nur das, was den selbst bezeichneten Moralkennern gefällt . Und was richtig oder falsch ist, gut oder schlecht ist, wird zunehmend von den Boulevard Medien definiert. Dabei werden in der Bevölkerung ebenso Ängste geschürt, welche vor dem Hintergrund einer wissenschaftliche Analyse kaum genügen. Akribisch wird jeder – im Einzelfall natürlich sehr bedauerliche – Verlauf einer Corona-Erkrankung medial breitgeschlagen und ausgeschlachtet. “Corona-Infektionen machen dumm und unfruchtbar”, so lauteten zwischenzeitlich die Schlagzeilen. Auch ein Laie weiss, dass sich eine wissenschaftliche Evidenz aus den kurzen Erfahrungswerten kaum ableiten lässt. Aber Hauptsache, die “Headline” stimmt. Dabei wird die Verunsicherung der Menschen immer grösser. Und der Spielraum, vermeintliche Fakten mit seiner eigenen Meinung kritisch zu würdigen, immer kleiner.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Die Massnahmen des Bundes und der Kantone sind sehr wichtig. Die Anzahl an Hospitalisationen ist vielerorts hoch und die aktuellen Spitzenwerte müssen gebrochen werden. Aber wir sollten auch den inhaltlichen Diskurs zulassen und widersprüchliche Meinungen akzeptieren. Nicht nur mit Blick auf die wichtige Diskussion zur Bekämpfung des Virus an sich, sondern vor allem auch, weil wir eine demokratische Gesellschaft sind, welche sich durch unterschiedliche Haltungen und das Recht zur freien Meinungsäusserung definiert.

Was würde wohl Vaclav Havel sagen…

 

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7 Kommentare

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    genau auf den punkt getroffen…danke

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    Bestens getroffen! In einer offenen Demokratie dürfen wir es nicht zulassen, dass der Austausch von Argumenten immer mehr unter dem Lärm einer Empörungskultur auf der Strecke bleibt. Gut, sich wieder einmal an den grossen Havel zu erinnern. Erfreulich auch, dass unser Kanton (St.Gallen) in dieser Krise nüchternes Augenmass (weder Verharmlosung noch Angst machen) zeigt. Das schafft Vertrauen.

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    Damanns Meinung und sein Unwissen war Grundlage für die “laschen” Bestimmungen (z.B. 10’000 Zuschaue zum Spiel St.Gallen – Basel), die kurzfristig für den Kanton St.Gallen galten, also seine bewusste Akzeptanz von höheren Streberaten, die zum Wohle der Bevölkerung im Kanton St Gallen in Kauf genommen werden könnten (Wir haben verlernt, mit dem Sterben umzugehen); so zumindest seine Aussage zu der Sache. Ein Glück, dass er vom Bundesrat zurückgepfiffen wurde. Und ob die Bevölkerung diese Meinung und damit seine Sicherheitsbestimmungen mittragen, wurde meines Wissen nie diskutiert sonder einfach so angeordnet.

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    Dankä Dominik. Du bisch än Politiker wo sich au i denä Zytä nöd versteckt und gsunda Menschävästand hät.

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